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Bericht zweier Wustweiler Studenten

52. Fahrt, Sebastian Marx u. Dominik Schäfer

Erlebnis Rumänienhilfe - Ein Bericht

Als wir uns um 2 Uhr früh in der Nacht von Freitag auf Samstag auf den Weg machten, wussten wir, Dominik Schäfer und Sebastian Marx, nicht, was uns erwarten würde. Voller Erwartungen, begann nun zu sechst die 30-stündige Fahrt nach Siebenbürgen in Rumänien, durch Bayern, dann quer durch Österreich, an Wien entlang, durch Ungarn, wo wir Budapest passierten und daraufhin auf die ungarisch-rumänische Grenze stießen. Hierin lag die erste unbekannte Erfahrung für uns beide. Wir sollten in den zweifelhaften Genuss unserer ersten wahren und ernst zu nehmenden Grenzkontrolle kommen, welche allerdings schnell und unkompliziert von Statten ging. Es folgten die letzten 400 Kilometer bis zu unserem Ziel in Miercurea-Ciuc, für welche wir 10 Stunden benötigten, da uns der Weg fortan, mit einer 90 km kurzen Ausnahme, nur noch über Landstraßen und durch Ortschaften führte.

Sonntagmorgens um 9 Uhr Ortszeit erreichten wir unser Ziel, das "Fodor-Haus", eine der Csibesz-Stiftung von Pfarrer Istvan Gergely zugehörige Unterkunft. Wir wurden herzlich empfangen. Man konnte direkt die Wärme spüren, die den Vieren, die schon so oft dort waren, entgegenschlug, aber auch uns, die wir zum ersten Mal dort ankamen. Trotz großer Müdigkeit nach der anstrengenden Fahrt, war an Schlaf nun nicht zu denken. Viel zu groß waren die Eindrücke des vergangen Weges, aber auch des Ortes, an dem wir uns nun befanden. Die Landschaft ringsum, mit breitem Tal und den Ausläufern der Karpaten ringsum, die kleinen, allesamt umzäunten Häuser, die Marien-Wallfahrtskirche in unmittelbarer Nähe, die Stallungen beim Fodor-Haus, die großen Container, in denen die Kleiderspenden aufbewahrt werden, das Hufgeräusch der Pferdefuhrwerke, die hier noch zum normalen Verkehrsmittel zählen und Unzähliges mehr. Überrascht wurden wir dadurch, dass niemand in Miercurea-Ciuc rumänisch sprach, sondern durchweg ungarisch und sogar deutsch, obgleich die Menschen die rumänische Amtssprache durchaus beherrschen. In Siebenbürgen, so wurden wir nun von den Anderen aufgeklärt, ist die ungarisch-sprachige Volksgruppe der Szekler vorherrschend, daneben gibt es wenige Rumänen und, zwar noch, aber immer weniger, eine deutsch-sprachige Minderheit: die Siebenbürger Sachsen. Das erklärte auch, warum auf den Ortsschildern durchweg zwei Ortsnamen geschrieben waren: der offizielle Rumänische und der vom Volk deutlich bevorzugte Ungarische und auf wenigen alten Exemplaren sogar noch der Deutsche. So heißt Miercurea-Ciuc für Szekler nur Csikszereda, auf Deutsch Szeklerburg; der Stadtteil in dem wir einquartiert waren Sumuleu-Ciuc, Csiksomlyo oder aber Schomlenberg.

Montags nun fuhren wir verschiedene Punkte an. Wir sahen aus der Ferne ein Wohnlager der Roma, welches aus zahllosen Bretterverschlägen bestand, in denen im Grunde genommen nichts war außer Matratzen am Boden und im besten Fall ein Ofen, in dem zuvor gesammelter Müll als Heizmaterial benutzt wurde und ein Straßengraben, der sowohl für Koch-, Wasch- und Abwasser verwendet wird und in dem sporadisch bekleidete Kinder tollten. Dieser Anblick war bei Weitem kein leichter. Danach besuchten wir die der Stiftung gehörende Näherei und Schreinerei, wo wir auch den Stiftungsleiter trafen. Er führte uns stolz durch die beiden Einrichtungen, in denen Ausbildungs- und Arbeitsplätze für die Waisen bereitstehen. Dies ist ein wichtiger und existentieller Punkt im Leben der Jugendlichen und jungen Erwachsenen: ein möglicher Anknüpfungspunkt in ein geregeltes, selbstbestimmtes und letztlich freies Leben! Am Mittag desselben Tages fuhren wir in die Nachbarstadt Madaras, wo wir überrascht waren, dass vor dem örtlichen Feuerwehrhaus eine alte Bekannte stand: das ehemalige Wustweiler Löschfahrzeug, auf dem nach wie vor der Schriftzug des LBZ Wustweiler, neben der neuen Beschriftung der Stadt Madaras, geschrieben steht. Auf dem Rückweg besichtigten wir einen Soldatenfriedhof mit 20 Gräbern deutscher Soldaten, die in einem Lazarett am damaligen Grenzverlauf ihrem Tod fanden. Am Nachmittag dieses eindrucksreichen Tages überbrachten wir dem Bürgermeister der Nachbargemeinde eine Feuerwehrpumpe, die zur Bereicherung des neu organisierten örtlichen Katastrophenschutzes dienen soll - ein vorbildliches Beispiel für die Hilfe zur Selbsthilfe! Der letzte Eindruck dieses Tages war gleichsam einer der tiefsten und emotionalsten Momente der Fahrt. Wir besuchten eines der Waisenhäuser, die durch die Stiftung und die Spenden auch aus Illingen betrieben und erhalten werden. In einem kleinen Häuschen, in einer, wie es in Rumänien üblich ist, nicht geteerten Seitenstraße eines kleinen Dorfes begrüßten uns die Kinder im Alter von 5 bis 12 Jahren und zwei Erzieherinnen. Als wir das Haus betraten, saßen die Kinder brav am Tisch und waren dabei ihre Hausaufgaben zu erledigen. Als kleines Mitbringsel hatten wir einen kleinen Karton mit Schokoladenriegeln dabei, der die Kinderaugen funkeln ließ. Die Kinder, die uns stolz ihre Schulhefte zeigten - ein Junge erzählte stolz, er lerne jetzt Deutsch in der Schule! -, hinterließen gleichzeitig ein gutes und ein bedrückendes Gefühl. Das Waisenhaus ist für die Kinder die Rettung, vor sozialem Untergang, Armut, Einsamkeit, vor suchtkranken oder aggressiven Eltern. Wir sahen Kinder vor uns, die alle ein enormes Potential in sich tragen, zu dessen Entfaltung die Häuser der Stiftung helfen können. Einige der mittlerweile erwachsenen Waisen studieren in der nahegelegenen Großstadt Cluj-Napoca beispielsweise Psychologie oder Sport, andere wiederum fanden Ausbildung und Anstellung in den stiftungseigenen Betrieben. Schwermütig konnte man dann werden, wenn man in die Gesichter der Kinder schaute und sich vorstellte, was diese Kinder bereits ertragen mussten: früher Verlust der Eltern, sexueller Missbrauch, psychische und physische Gewalt, angetan durch die Menschen, die urtümlich der naturgegebene Schutz der Kinder sein sollten. Auch das gegenüberliegende Haus, in dem die jugendlichen Waisen leben, durften wir besichtigen, ebenso, wie das noch nicht fertiggestellte Waisenhaus, das zuvor als Scheune diente und nun zu einem sauberen und auf die Bedürfnisse der Kinder ausgelegten Wohnhaus umgebaut wird.

Der nächste Tag begann mit dem Kauf eines Traktors. Hierzu begleiteten uns der Stiftungsleiter sowie ein Bruderpaar, das federführend für die landwirtschaftlichen Belange der Stiftung zuständig ist. Der Traktor wurde durch Spendengelder bei einem ortsansässigen Bauer erworben und steht ebenfalls ganz im Licht der Hilfe zur Selbsthilfe. Hiernach besuchten wir eine ältere Dame, die alleine und in bitterster Armut in einem winzig kleinen Haus lebt, welches aus einem Zimmer besteht, das als Wohn-, Ess-, Schlafzimmer, als Küche und Toilette dient und in dem sich zu allem Überfluss auch noch ein Brunnen befindet. Dieser Dame übergaben wir Lebensmittel. Anschließend taten wir dies auch bei einem Bauer, der in einem nur wenig größeren Häuschen lebt, einige Hühner besitzt, wenige Hasen und wohl auch ein oder zwei Kühe.

Am Morgen des folgenden Mittwochs machten wir uns auf die lange Heimfahrt, die ohne größere Probleme gut und harmonisch verlief. Es sind viele und tiefe Eindrücke, die wir aus Siebenbürgen mitgenommen haben, Eindrücke von den Menschen, die in einer für uns unbekannten Armut leben, Eindrücke von den Kindern, denen wir nur wünschen können die Chance auf ihr Potential zu bekommen und dann auch zu ergreifen und zu verwirklichen, aber auch Eindrücke von der Natur mit ihrer schönen Landschaft ringsum. Wir bedanken uns bei Stefan, Bernhard, Hansi und Willi dafür, dass sie uns mitgenommen und uns so dieses Erlebnis ermöglicht haben, die einwandfreie Organisation und für das harmonische und offene Miteinander untereinander!  


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